Maskenball, verbotene Marseillaise und ein Liebesbrief an Clara

Der „Faschingsschwank aus Wien“ op. 26 von Robert Schumann gehört zu den farbenfrohsten Klavierwerken der Romantik: ein musikalischer Maskenball voller Walzerschwung, geheimer Botschaften und leiser Sehnsucht. Für eine meiner Klavierschülerinnen, die dieses Werk gerade erarbeitet, habe ich ein kleines Studienheft geschrieben. Die wichtigsten Gedanken daraus möchte ich hier mit Ihnen teilen – für alle, die Schumanns Faschingsschwank spielen, im Konzert hören oder einfach besser verstehen möchten.

Schumann in Wien 1838/39: Liebe, Zensur und ein gescheiterter Plan

Im Herbst 1838 kam der 28-jährige Robert Schumann nach Wien. Sein Ziel war ehrgeizig: Er wollte seine in Leipzig gegründete „Neue Zeitschrift für Musik“ in die Musikmetropole verlegen und sich dort eine sichere Existenz aufbauen. Dahinter stand ein sehr persönlicher Grund. Schumann war heimlich mit der gefeierten Pianistin Clara Wieck verlobt, doch ihr Vater Friedrich Wieck – Schumanns früherer Klavierlehrer – lehnte die Verbindung entschieden ab. Mit Erfolg in Wien wollte Robert beweisen, dass er Clara eine Zukunft bieten konnte.

Der Plan scheiterte an der strengen Zensur im Österreich des Staatskanzlers Metternich: Die Zeitschrift durfte in Wien nicht erscheinen. Trotzdem wurde der Aufenthalt künstlerisch außerordentlich fruchtbar. Neben dem Faschingsschwank entstanden hier unter anderem die Arabeske op. 18, das Blumenstück op. 19, die Humoreske op. 20 und die Novelletten op. 21. Und Schumann machte eine Entdeckung von historischem Rang: Bei Ferdinand Schubert, dem Bruder des Komponisten, fand er das Manuskript von Franz Schuberts großer C-Dur-Sinfonie, die Felix Mendelssohn wenig später in Leipzig uraufführte.

Was bedeutet „Faschingsschwank“?

Ein „Schwank“ ist ein lustiger Streich oder eine komische Geschichte. Der Titel verspricht also einen musikalischen Karnevalsspaß – passend zum Wiener Fasching, den Schumann während seines Aufenthalts erlebte. Der Untertitel „Phantasiebilder“ verrät, wie das Werk gedacht ist: als Galerie von fünf Charakterbildern, die zusammen ein großes Ganzes ergeben. Schumann selbst bezeichnete das Werk als „romantisches Schaustück“.

Begonnen hat Schumann die Komposition Mitte März 1839, kurz vor seiner Abreise aus Wien. Den letzten Satz vollendete er erst im Winter 1839/40 in Leipzig. Gedruckt wurde das Werk 1841 beim Wiener Verlag Mechetti. Interessant ist auch, dass Clara ihm in dieser Zeit geraten hatte, einmal etwas Brillantes und leicht Verständliches für das Publikum zu schreiben – und genau das ist der Faschingsschwank im Vergleich zu vielen früheren Werken Schumanns.

Die fünf Sätze des Faschingsschwanks im Überblick

1. Allegro – „Sehr lebhaft“ (B-Dur): der große Maskenball

Der Kopfsatz ist der längste und bildet das Herz des Zyklus. Ein schwungvolles, walzerartiges Thema kehrt wie ein Refrain immer wieder, dazwischen stehen kontrastierende Episoden – ein Rondo, das wie ein Gang durch einen Festsaal wirkt, in dem man ständig neuen Masken begegnet. In der vierten Episode wartet die berühmteste Überraschung des Werks: die Marseillaise (mehr dazu weiter unten).

2. Romanze – „Ziemlich langsam“ (g-Moll): ein Liebesbrief

Nach dem Trubel folgt ein kurzer, inniger Moment der Stille. Die Romanze beruht auf einer absteigenden Fünftonfolge, die mit dem sogenannten Clara-Motiv verwandt ist – einer Tonfolge, die in mehreren Werken Schumanns anklingt, besonders deutlich zu Beginn der Fantasie op. 17. Wer diesen Satz spielt, spielt gewissermaßen einen Brief ohne Worte an die ferne Geliebte.

3. Scherzino (B-Dur): ein kleiner Harlekin-Tanz

„Scherzino“ bedeutet „kleiner Scherz“. Der Satz ist kurz, spritzig und voller überraschender Akzente – man kann sich dabei gut die springenden Figuren der italienischen Commedia dell’Arte vorstellen. Leichtigkeit und ein klarer, rhythmischer Anschlag sind hier alles.

4. Intermezzo – „Mit größter Energie“ (es-Moll): Sturm im Herzen

Für viele Pianistinnen und Pianisten ist das Intermezzo der emotionale Höhepunkt des Werks. In der dunklen Tonart es-Moll entfaltet sich eine leidenschaftliche, weit gespannte Melodie gegen eine rastlose Begleitbewegung. Schon im Dezember 1839 erschien der Satz als Vorabdruck in den Musikbeilagen der „Neuen Zeitschrift für Musik“.

5. Finale – „Höchst lebhaft“ (B-Dur): das Feuerwerk

Das Finale ist ein brillanter Kehraus in Sonatenform mit drei Themen: kraftvolle Oktaven, glänzende Figuren und eine sich steigernde Coda. Technisch ist es der anspruchsvollste Satz – und ein triumphaler Schluss, der wunderbar zu Claras Wunsch nach einem wirkungsvollen Stück passt.

Versteckte Botschaften: Marseillaise, Großvatertanz und A-S-C-H

Die verbotene Marseillaise: Mitten im ersten Satz lässt Schumann im Fortissimo den Beginn der Marseillaise erklingen. Die französische Revolutionshymne galt im Wien Metternichs als verboten – ein frecher musikalischer Seitenhieb gegen genau jene Zensur, an der Schumanns Zeitschriftenpläne gescheitert waren. Das ist der eigentliche „Schwank“ des Stücks.

Der Großvatertanz: Im Kopfsatz klingt außerdem mehrmals der Großvatertanz an – bei Schumann ein ironisches Symbol für die spießigen „Philister“, gegen die er mit seinen Davidsbündlern musikalisch zu Felde zog.

Das Rätsel A-S-C-H: Schon im Wort „Faschingsschwank“ stecken die Buchstaben A-S-C-H, die Schumann bereits in seinem „Carnaval“ op. 9 in Töne übersetzt hatte (im Deutschen steht „S“ für Es). Der Musikforscher Eric Sams hat darauf hingewiesen, dass Schumann diese Tonfolge auch im Faschingsschwank als melodisches Material nutzt.

Tipps für das Üben des Faschingsschwanks

  • Erst hören, dann spielen: Hören Sie das ganze Werk mehrmals in verschiedenen Aufnahmen und lesen Sie die Noten mit. So entsteht eine klare Vorstellung von Klang und Charakter, bevor die Finger ins Detail gehen.
  • Jedem Satz seinen Charakter geben: Der Maskenball des Allegro, die Innigkeit der Romanze, der Witz des Scherzino, die Leidenschaft des Intermezzo und der Glanz des Finales brauchen jeweils einen eigenen Klang, eigene Dynamik und eine eigene Haltung.
  • Den langen Kopfsatz gestalten: Lassen Sie jede Wiederkehr des Refrains ein wenig anders klingen – mal kraftvoller, mal zärtlicher. So erzählt der Satz eine Geschichte, statt sich zu wiederholen.
  • Im Intermezzo die Melodie schützen: Üben Sie zuerst nur die Melodie, bis sie wirklich singt. Fügen Sie dann die Begleitung leise hinzu. Die Melodie muss immer im Vordergrund bleiben.
  • Das Finale in Abschnitten üben: Oktaven und schnelle Figuren langsam, mit lockerem Handgelenk und kleinen, ökonomischen Bewegungen erarbeiten – niemals mit festem Arm.
  • Sparsam pedalisieren: Gerade im Intermezzo verwischt zu viel Pedal die Stimmen. Hier gilt oft: weniger ist mehr.
  • Sich selbst aufnehmen: Eine Aufnahme mit dem Smartphone zeigt schonungslos, wo die Melodie verloren geht oder das Tempo unruhig wird – ein hervorragender Übe-Partner.

Empfehlenswerte Aufnahmen

Zum Kennenlernen und Vergleichen lohnen sich besonders die Einspielungen von Swjatoslaw Richter, Arturo Benedetti Michelangeli, Radu Lupu und Murray Perahia. Achten Sie beim Vergleichen darauf, wie unterschiedlich die Interpreten Tempo, Klangfarben und die Übergänge zwischen den Episoden gestalten.

Der Faschingsschwank aus Wien auf einen Blick

Titel Faschingsschwank aus Wien. Phantasiebilder für Klavier
Komponist Robert Schumann (1810–1856)
Opus 26
Entstehung ab März 1839 in Wien, vollendet 1839/40 in Leipzig
Erstdruck 1841, Verlag Mechetti, Wien
Erste öffentliche Aufführung 1860 in Wien durch Clara Schumann
Sätze Allegro · Romanze · Scherzino · Intermezzo · Finale
Dauer rund 20 Minuten

Schumann im Klavierunterricht in Düsseldorf

Werke wie der Faschingsschwank zeigen, wie viel mehr hinter den Noten steckt: Geschichte, Charakter und Persönlichkeit. Genau das ist mir in meinem Klavierunterricht in Düsseldorf wichtig – dass meine Schülerinnen und Schüler nicht nur die richtigen Töne treffen, sondern verstehen, was sie spielen. Sie möchten Schumann oder andere Werke der Romantik mit einem erfahrenen Konzertpianisten erarbeiten? Vereinbaren Sie eine kostenlose Probestunde.

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